Ronya Othmann


Veronica Moroders Bilder gleichen in gewisser Weise Gedichten. Dass sie „poetisch“ seien, was ja gemeinhin synonym mit „schön“ oder „beseelt“ verwendet wird, würde hier zu kurz greifen. Die Bilder sind poetisch im wortwörtlichen Sinne. Die Wörter meinen immer etwas konkretes. Also ein Wort, so abstrakt es auch sein mag, ist immer auf die Abfolge seiner Buchstaben begrenzt; die Abfolge seiner Buchstaben auf einen Klang, und der Klang, – die Summer der Buchstaben – trägt eine Bedeutung. In gewisser Weise sind Worte unübersetzbar, noch unübersetzbarer (sofern das geht) sind Gedichte. Gedichte übersetzen ist eine Arbeit, die oft auch mit Nachdichtung beschrieben wird. Ein Lyrikübersetzer übersetzt nicht nur (in dem er die Worte synonym in eine andere Sprache überträgt), er dichtet nach. Er sucht eine Entsprechung in Rhythmus, Klang, und Bedeutung(en). Doch eine Kluft bleibt, unüberwindbar, egal wie gut, wie genau man übersetzt.
Kommen wir zu Malerei. Schreibe ich nun hier über Veronica Moroders Bilder, tut sich ein ähnliches Dilemma auf. Die Bilder sind unübersetzbar. Deswegen muss dieser Text als Versuch einer Nachdichtung verstanden werden: 

Die Bildgegenstände (welch holziges Wort), die Gegenstände im Bild (auch nicht besser), das was wir sehen in den Bildern: Die rote Kugel oben rechts, die auch ein Apfel ist, und hohl. Ein doppelgesichtiger Mensch, der keine Haare trägt, weder Mann noch Frau. Gesichter wie Masken. Das Interieur. Ein Badezimmer: ein Waschbecken, rote glänzende Fließen, ein goldener Wasserhahn wie der Kopf eines Tieres. Die Dusche: das Gesicht im Spiegel, der Körper einer Frau (oder doch keine Frau?) Man verliert sich und seine Gewissheiten. Was ist zu sehen und was sehe nur ich? Der Duschschlauch, wie der Körper einer Kobra. Das Badezimmer wird bedrohlich. Lilien, Gardinen, Lampen unheimlich. Etwas ist und ist gleichzeitig nicht: Der Teppich, der aus Glas scheint. Der doppelte Boden. Der Astronaut, der eigentlich ein Imker ist. Und wieder die roten Schuhe, Stifletten, Ballerinas. (Nach der Bedeutung der roten Schuhe fragen, vielleicht sind die roten Schuhe die Antwort selbst?) Der Versuch zu greifen, was nicht greifbar ist. Beine, Arme, Hände, die aus der Farbfläche kommen, wie durch Teppiche tasten. Dicke Stoffe, so auch die Farben. Man hat es warm in den Bildern und fürchtet sich auch. Eine Katze isst oder trinkt. Wo ein Kopf sein müsste, ist eine Pflanze.

Wenn die Bilder eine Stimme hätten, sie würden wispern, sie würden brüllen, aber der Ton wäre  aus. Sie würden sprechen, wie in einem Film, wo das Bild dem Ton hinterher hinkt: Gerade eben waren wir noch wo anders?  Und – wir wissen nicht wie wir hierher geraten sind.
Die Bilder sind keine Freunde von Symmetrie, großer, abgeschlossener Erzählungen. Würden sie sprechen, stellten sie das eben Gesagte gleich wieder in Frage. In ihnen sind die alltäglichen Brüche zu sehen, die unter dem Leben liegen, die Brüchigkeit des Alltags, die lebendigen Brüche des Alltag, der Alltag, der  in den Brüchen liegt, – alles zugleich und zugleich alles.